Die Landeshauptstadt Dresden hat am 21. März 2026 zehn engagierte Persönlichkeiten mit der Ehrenmünze ausgezeichnet. Unter ihnen ist André Lang, der sich seit vielen Jahren mit großer Kontinuität für Erinnerungskultur, jüdisches Leben und ein demokratisches Miteinander in Dresden einsetzt. „Wir gratulieren Andre Lang ganz herzlich zu dieser verdienten Auszeichnung, würdigt sie doch sein langjähriges Engagement, das ja durchaus auch mit seiner eigenen Biografie verbunden ist“, so Stephan Trutschler, Sprecher der Allianz für Dresden, die sich seit über zehn Jahren für eine bunte Leipziger Vorstadt und insbesondere für die denkmalgerechte Erhaltung des Alten Leipziger Bahnhofes als Erinnerungsort einsetzt.
Als Sohn von Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung bringt Lang eine biografisch geprägte Perspektive in die öffentliche Erinnerung ein, die über reine Wissensvermittlung hinausgeht. Sie verleiht der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit eine persönliche Dringlichkeit und macht deutlich, dass Erinnerung nicht abgeschlossen ist, sondern sich in den Erfahrungen der Nachgeborenen fortsetzt. Gerade diese Verbindung von persönlicher Geschichte und gesellschaftlichem Engagement prägt sein Wirken. Für ihn ist Erinnerungskultur keine abstrakte Aufgabe, sondern Teil einer aktiven demokratischen Verantwortung, die sich nicht nur auf die Vergangenheit richtet, sondern konkrete Konsequenzen für die Gegenwart verlangt.
Ein zentraler Schwerpunkt liegt auf dem Alten Leipziger Bahnhof. Der Ort gehört zu den wenigen authentisch erhaltenen Deportationsorten in Ostdeutschland und nimmt eine besondere Stellung in der Dresdner Stadtgeschichte ein. Zwischen 1942 und 1944 wurden von hier aus Jüdinnen und Juden sowie weitere Verfolgte in Ghettos und Vernichtungslager verschleppt. Die baulichen Strukturen sind bis heute erhalten und machen den Ort zu einem seltenen Zeugnis dieser Geschichte. Gleichzeitig ist der Zustand des Areals ein deutliches Zeichen dafür, dass dieser historisch herausragende Ort bislang nicht die Aufmerksamkeit und den Schutz erhält, die ihm zustehen. Als Sprecher des Förderkreises Alter Leipziger Bahnhof setzt sich André Lang seit Jahren dafür ein, diesen Zustand zu beenden. Ziel ist die Entwicklung eines Gedenk-, Bildungs- und Begegnungsortes, der der historischen Bedeutung gerecht wird und zugleich Perspektiven für die Gegenwart eröffnet. Darüber hinaus ist er in zahlreichen Initiativen und Netzwerken aktiv, die sich für ein weltoffenes und solidarisches Dresden einsetzen. Sein Engagement umfasst Gedenkveranstaltungen, Bildungsarbeit sowie die kontinuierliche Beteiligung an zivilgesellschaftlichen Bündnissen und ist untrennbar verbunden mit einem klaren Eintreten gegen Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus.
„André Lang zeigt auf eindrucksvolle Weise, dass Erinnerungskultur keine rein historische Aufgabe ist, sondern eine Verantwortung, die wir im Hier und Jetzt tragen“, so Trutschler weiter. „Sein Engagement verbindet die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit mit einem klaren Eintreten für Demokratie und Menschenwürde. André Lang steht für eine klare Haltung und für den Mut, Verantwortung zu übernehmen. Er erinnert nicht nur an das Unrecht der Vergangenheit, sondern setzt sich aktiv dafür ein, dass Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit in unserer Gesellschaft keinen Platz haben. Die Auszeichnung macht zugleich deutlich, dass die Stadt Dresden beim Alten Leipziger Bahnhof seit Jahren hinter ihren eigenen Ansprüchen zurückbleibt“, kritisiert Trutschler. Ein zentraler Ort der nationalsozialistischen Deportationen ist bis heute nicht angemessen gesichert, gestaltet oder vermittelt. Besonders kritisch ist dabei auch der Umgang aus denkmalfachlicher Perspektive. Während in vielen Bereichen des Denkmalschutzes zu Recht hohe Maßstäbe angelegt und selbst kleinste Veränderungen intensiv geprüft werden, bleibt ein Ort von herausragender historischer Bedeutung, wie der Alte Leipziger Bahnhof, faktisch sich selbst überlassen. Es stellt sich die Frage, wie es sein kann, dass ein solcher Ort über Jahre hinweg keinen konsequenten denkmalpflegerischen Schutz und keine sichtbare Entwicklung erfährt.
Aus Sicht der Allianz für Dresden ist dieser Zustand nicht länger hinnehmbar. Erinnerungskultur darf nicht vom Engagement Einzelner getragen werden, während notwendige politische und fachliche Entscheidungen ausbleiben. Es braucht jetzt ein abgestimmtes und verbindliches Handeln von Stadtverwaltung, Stadtrat und Denkmalschutz. Die Entwicklung des Alten Leipziger Bahnhofs muss unverzüglich beschlossen und umgesetzt werden. Der Ort muss dauerhaft als Gedenk- und Bildungsort gesichert, denkmalgerecht entwickelt und institutionell verankert werden. Gleichzeitig ist eine verbindliche Zeitplanung erforderlich, die weitere Verzögerungen ausschließt und Planungssicherheit schafft.
„Die Zeit der Prüfaufträge und Verzögerungen muss beendet werden. Dresden muss jetzt entscheiden und handeln“, so Trutschler. „Es ist nicht nachvollziehbar, dass an anderen Stellen mit großem Aufwand Denkmalschutz betrieben wird, während ein Ort von dieser historischen Tragweite über Jahre hinweg keine vergleichbare Priorität erhält.“
Gerade vor dem Hintergrund zunehmender gesellschaftlicher Spannungen und wiedererstarkender antisemitischer Positionen ist eine verlässliche Erinnerungskultur unverzichtbar. Orte wie der Alte Leipziger Bahnhof sind nicht nur historische Schauplätze, sondern zentrale Lernorte für Demokratie und gesellschaftliche Verantwortung. Die Ehrenmünze würdigt das Engagement von André Lang, macht aber zugleich deutlich, dass dieses Engagement politische Konsequenzen haben muss. Die Verantwortung liegt jetzt bei der Stadt Dresden und den zuständigen Behörden, die notwendigen Entscheidungen zu treffen und die Voraussetzungen für eine dauerhaft gesicherte Erinnerungskultur zu schaffen.
Weitere Infos: https://allianzfuerdresden.de und www.alter-leipziger-bahnhof.net